Eigentlich sollte dieser Artikel „Über die Sinnlosigkeit, sich in Gedanken etwas auszumalen“ heißen. Allerdings ist mir schnell klar geworden, dass diese Begrifflichkeit irreführend ist: Denn viele großartige Leistungen, seien es ansprechende Produkte und Dienstleistungen von Unternehmen sowie künstlerische oder sportliche Leistungen, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dadurch entstanden, dass die jeweiligen Erbringer der Leistung in der Lage waren, sich das Endergebnis bildlich vorzustellen. Aus diesem Grund möchte ich nachfolgend also lieber auf die Vor- und Nachteile von Fantasie eingehen und erläutern, was mich zu diesem Artikel bewegt hat.

Fantasie
Bei „Fantasie“ handelt es sich um einen Begriff, der im alltäglichen Sprachgebrauch wohl schwierig zu deuten ist. Denn im positiven Sinne kann Fantasie zum einen als „gesteigerte Vorstellungskraft“ bezeichnet werden was sich erst eimal gut anhört. Wer fantasiereich ist, ist in der Lage, für Probleme eine Lösung zu finden, da er sich die Lösung vorstellen kann und dann Schritt für Schritt auf die Problemlösung hinarbeitet. Im negativen Sinne wird Fantasie aber in gleichem Maße bestimmt auch oft mit dem Wort „Träumerei“ gleichgesetzt. An dieser Stelle bekommt das positive Bild von „Fantasie“ nun eine etwas unpassende Farbe. Denn „Träumen“ wird gerne auch mit „Nichtstun“ gleichgesetzt. Und bis jetzt liegen noch keine validen Ergebnisse vor (falls diesbezüglich überhaupt Studien durchgeführt werden), dass großartige Leistungen durch „Nichtstun“ erreicht werden können. Um eine großartige Leistung zu erstellen, muss man etwas „leisten“. „Träumen“ lenkt da nur ab.
Aufgrund dieses unterschiedlichen Bias bezogen auf Fantasie (das bedeutet, die einen sehen Fantasie als etwas Positives und die anderen sehen Fantasie eher negativ) erscheint mir das Abwägen in Pro und Contra bzgl. Fantasie daher treffender. Denn ich finde es extrem schwierig exakt zu bestimmen, welche Dosis an Fantasie „richtig“ ist. Von erfolgreichen Unternehmern hört man oftmals, dass diese eine „Vision“ besitzen müssen. Sie müssen wissen (oder sich zumidnest vorstellen können), wo sie mit Ihrem Unternehmen hinwollen. Wer an dieser Stelle nicht über ein Mindestmaß an Fantasie verfügt, läuft wohl Gefahr, nur noch zu reagieren anstatt zu agieren, lediglich taktisch und operativ tätig zu sein und dadurch den Blick für das große Ganze zu verlieren. Eine Vision kann im positiven Sinne dann auch motivierend wirken. Durch den vollständigen Verzicht auf seine eigene geistige Vorstellungskraft würde man diesem Motivationspotential dann wahrscheinlich einen Riegel vorschieben.
Was aber hat mich nun zu diesem Artikel bewegt?
Gestern habe ich mehrere Anfragen an Festivals geschickt um dort in diesem Jahr live zu spielen. Heute kamen die ersten zwei Absagen. Aufmerksam geworden auf die Festivals bin ich im November, als ich intensiv nach passenden Festivals bezogen auf meine Musikrichtung gesucht habe. Schnell bin ich fündig geworden. Jedoch haben mich zwei Dinge davon abgehalten, die Festivals sofort im November anzuschreiben:
Booking
Der Begriff „Booking“ bedeutet bezogen auf die Musikbranche, dass man sich aktiv damit beschäftigt Auftrittsmöglichkeiten herzustellen. Man kontaktiert also Veranstalter von Live-Shows, Clubs sowie Festivals um für einen Gig in Betracht gezogen zu werden. Da ich mich bisher primär damit beschäftigt habe Musik zu produzieren habe ich mich dem Booking noch nie wirklich intensiv gewidmet. Aus diesem Grund habe ich einen Workshop besucht, um zumindest die wichtigsten Grundlagen zu kennen um erfolgreich Veranstalter anzuschreiben. Basierend darauf habe ich mir bezogen auf die eben erwähnten Festivalanfragen eine Struktur erarbeitet. Es geht hier im Konkreten darum, wen man überhaupt anschreibt, was man alles über sich und seine Musik erzählt und warum man gerne bei einer entsprechenden Veranstaltung auftreten möchte. Eine schnelle E-Mail im November mit der Frage „Können wir bei euch spielen?“ erschien mir daher unpassend.
Demos
Ich mache Musik. Und deswegen ist es mir wichtig, dass sich jemand direkt meine Musik anhören kann, wenn ich ihn kontaktiere. Meine erste Frage an Musiker und Musikerinnen die ich treffe ist immer „Wo kann ich mir was von dir anhören?„. Nichts interessiert mich weniger als zu langes Gerede darüber wie die jeweilige Musik denn klingt ohne die Musik direkt anzuhören. Wenn man die Musik mit Worten so treffend beschreiben könnte, warum macht man dann noch Musik? Für mich persönlich ist deswegen ein Kriterium guter Musik, dass sie keiner weiteren Erklärungen bedarf. Nichts wäre unpassender, als jemand, der mir während dem Hören eines Songs sagen würde „…gleich kommt die Gitarre, sie ist wieder etwas verzerrt, aber nicht so stark wie in der Strophe, und hier, hörst du diesen Basslauf? Er überlagert jetzt etwas die anderen Spuren aber er wird gleich von einem Saxophon abgelöst, Moment, gleich, warte, eine Sekunde…“.
Dies bedeutet nicht, dass ich es nicht wertschätze bzw. es mir nicht gefällt, wenn andere darüber reden, wie gewisse Musik auf sie wirkt und warum sie sich die jeweilige Musik anhören und wie gewisse Songs entstanden sind. Damit kann ich im Gegenteil sogar viel anfangen. Es ist auch nicht gemeint, dass man man anderen nicht erzählen sollte, was einem z. B. an gewissen Instrumenten gut gefällt. Ich beziehe mich hier eher darauf, dass es mich nicht sonderlich anspricht, wenn man anfängt die eigene Musik zu erklären. Ich treffe diese Aussage, da mir ein Zitat aus einem Handbuch von einem walisischen Autor, der sich intensiv mit verschiedensten Themen rund um´s Musikmachen beschäftigt hat, noch gut in Erinnerung geblieben ist: Man kann niemanden dazu zwingen, die Musik von anderen als gut zu empfinden. D. h. wenn ich ein Demo an jemanden versende, dann sollte dieses Demo in meiner Wahrnehmung für sich stehen und keiner weiteren Erklärungen bedürfen.
Um zu vermeiden, dass ich also selber in die Falle tappe, anderen meine Musik zu erklären anstatt ihnen etwas zum Anhören zu schicken habe ich mir die Zeit genommen um Demos zu produzieren die aussagekräftig sind. Damit einher geht nicht die Erwartung, dass jedes Demo zum neuen Lieblingssong des jeweils anderen wird. Wer ausschließlich Jazz hört, wird selbst mit einer exzellenten Demo-Aufnahme aus dem Gerne Rock nicht viel anfangen können. Aber damit einher geht die Erwartung, dass das Demo in einer Qualität produziert ist, die ausreicht, um keine weiteren Erklärungen über die Musik zu unterbreiten.
Status quo
Der Erreichung dieses Ziels habe ich die gesamte letzte Woche gewidmet. Davor standen Vocalaufnahmen sowie erste Abmischungen an. Seit zwei Tagen sehe ich das Ziel als erreicht an. Daher habe ich unmittelbar nach dem Hochladen der Demos auf meiner Website entsprechende Festivals angeschrieben. Und durch die bereits eingetroffenen zwei Absagen ist in mir der Gedanke aufgetaucht, dass jegliche gedankliche Auseinandersetzung, wie es wäre, auf diesem Festival zu spielen, eigentlich nicht zielführend war und verschwendete Energie darstellte. Daher auch der ursprüngliche Titel „Über die Sinnlosigkeit, sich in Gedanken etwas auszumalen“. Aber war diese gedankliche Auseinandersetzung wirklich sinnlos?
Das finde ich extrem schwierig zu bestimmen. Denn wie bereits bzgl. der Vision des Unternehmers beschrieben halte ich es für durchaus möglich, dass der Gedanke, auf diesem einen Festival zu spielen, durchaus motivierend gewirkt hat. Meine Fantasie hat mir in diesem Falle eine Richtung vorgegeben, an der ich mich orientieren konnte. Ohne diese Richtung hätte ich vielleicht nicht so viel Zeit und Energie in die Aussagekräftigkeit der Demos gesteckt. Und wie bereits erwähnt ist es mir ein starkes Anliegen darauf zu verzichten jemanden anzuschreiben, einen Link zu meiner Musik mitzuschicken und gleichzeitig zu erwähnen „ist erst halb fertig„. Die einzige Ausnahme hiervon bildet die Situation, wenn man sich vorher schon einmal mit jemandem (z. B. einem weiteren Produzenten) ausgetauscht hat und eine Aussage darüber treffen muss auf welchem Stand sich das Musikstück gerade befindet. Hier finde ich es wiederum extrem wichtig genau zu benennen, was alles noch nicht fertig ist, da man nur dadurch wirklich identifizieren kann, was es noch alles benötigt, um den Song wirklich zu Ende zu produzieren.
Fazit
Meine Erkenntnis bzgl. der hier stehenden Erläuterungen liegt darin, dass es schwierig ist, zu definieren, ab welchem Punkt Fantasie übertrieben ist und eher Energieverschwendung darstellt und bis zu welchem Grad sie motivierend wirkt. Die Ausprägungen „totale Fantasie“ vs. „null Fantasie“ sind wohl als die beiden Extreme zu werten, woraus sich schließen lässt, dass hier ein goldener Mittelweg existiert. Ich finde es wichtig, mir während meines Schaffens über eine grobe Richtung im Klaren zu sein, was nur durch ein gewisses Grundvorhandensein von Fantasie möglich ist. Auf der anderen Seite steht die Reduktion von zu viel Fantasie in Einklang mit den Aussagen aus meinem Artikel „Von Produktivität zu Effektivität“. Denn obwohl Fantasie wohl die Grundvoraussetzung darstellt um überhaupt tätig zu werden (in gewissem Sinne ist es also bereits „produktiv“, sich etwas auszudenken), so erachte ich es als wichtig zu erkennen, welche Schritte abseits des reinen Fantasierens gegangen werden müssen und was zur Erreichung des Ziels konkret unternommen werden muss („effektiv“). Die Vorstellung des erwähnten goldenen Mittelwegs jedenfalls wirkt auf mich sehr anziehend.
