Ich bin auf ein interessantes Verhältnis aufmerksam geworden. Ich glaube ich bin etwas risikobereiter als der Durchschnitt. Mir ist es dabei wichtig zu betonen „als der Durchschnitt“, denn ich habe mich gefragt: Wenn man sein eigenes Risikoverhalten nicht an dem von anderen Menschen misst, wie soll man dann für dieses Verhalten einen Wert auf einer Skala definieren an dem man sich selber misst?

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AUTOR

Martin

Veröffentlicht am

November 16, 2022

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Ich glaube in diesem Zusammenhang, dass man manche Eigenschaften lediglich im Vergleich mit anderen Menschen feststellen kann. Angenommen ich wäre der einzige Mensch auf der Erde. Dann würde ich wahrscheinlich nie herausfinden, ob ich risikofreudig oder risikoscheu bin, denn ich hätte keinerlei externen Maßstab (also in diesem Fall andere Mitmenschen) an denen ich mein Verhalten messen könnte. Selbst wenn ich extrem risikofreudig oder extrem risikoscheu wäre, so würde ich mein Verhalten mit hoher Wahrscheinlichkeit stets als „normal“ sowie als meine eigene Standardeinstellung sehen. So bin ich eben, könnte ich mir sagen, und solange niemand von außen mein Verhalten kommentieren würde, solange würde ich nicht das Gefühl haben, von einer Norm abzuweichen. Aber was ist normal?

Wie in meinem „Artikel über Perfektionismus“ geht es mir hier nicht darum tiefgründige Analysen durchzuführen, abschließende Antworten zu finden oder bis auf´s Messer genau mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu argumentieren und mich in Details zu verlieren. Ich schreibe hier über das was für mich zum jetzigen Zeitpunkt Sinn ergibt und was in Einklang mit meinen praktischen Erfahrungen steht. Und daher fühle ich mich sehr wohl dabei, wenn ich die obige Frage folgendermaßen beantworte: „Normal“ ist wahrscheinlich das, was 80% der Menschen in der Gesellschaft, welcher sie sich gerade im Moment zugehörig fühlen oder welche sie aufgrund einer physischen Abhängigkeit gerade umgibt, tun. Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um eine sehr praxisorientierte Definition. Und damit ist eigentlich auch klar, dass „normal“ ein sich stetig wandelnder Prozess ist, d. H. was heute noch normal ist, kann zu einem anderen Zeitpunkt schon wieder nicht normal sein, nämlich aus dem einfachen Grund, dass die Masse der 80% das „normale“ Verhalten gegen ein anderes „normales“ Verhalten eingetauscht hat. Bei „Normalität“ handelt es sich also sehr wahrscheinlich nicht um ein Naturgesetz und kein immer gültiges Axiom, sondern lediglich um eine Momentaufnahme des gerade vorherrschenden Ist-Zustandes, solange er denn von der Mehrheit (d. H. in diesem Fall ca. 80%) gelebt und getragen wird.

Ich glaube zudem, dass dieser generelle Normalzustand einem tiefen menschlichen Grundbedürfnis entspricht, d. H. die Masse möchte sich „normal“ verhalten. Wenn man davon ausgeht, dass es sich bei den anderen 20% um die Gegner des Normalzustandes handelt, dann wäre eine Welt, in der lediglich 20% „normal“ wären und die anderen 80% permanent gegen vorherrschende  Zustände und Prozesse kämpfen würden wohl kaum vorstellbar. Die Masse der Menschen hat sich somit, ob bewusst oder unbewusst, dazu entschieden, Werte zu leben und mitzutragen und ein Verhalten an den Tag zu legen, welches im jetzigen Augenblick von der gleichen Masse als „normal“ bewertet wird. Wenn ich also ganz alleine auf der Erde wäre, dann gäbe es gar kein „normal“ und schon gar keine Abweichung davon. Es gäbe lediglich meinen eigenen Standard, d. H. die Art und Weise wie ich leben würde wäre die Richtschnur für mein eigenes Verhalten. Aber niemand würde mich darauf hinweisen, wenn ich von diesem Standard abweichen würde. Und somit würde jede Abweichung meinen Standard lediglich erweitern, getreu dem obenstehenden Motto, so bin ich eben. Ich bin Ich mit all meinen Abweichungen und solange niemand das von außen kommentiert und bewertet solange gibt es keinen Grund dieses Gesamtverhalten als „normal“ oder „unnormal“ zu bezeichnen.

Aber ich wollte ja eigentlich etwas zu dem Thema Risiko schreiben. Denn auch die Neigung hin zu mehr bzw. hin zu weniger Risiko tritt eigentlich nur dann zum Vorschein, wenn man sein Verhalten vor anderen Menschen rechtfertigen muss oder wenn das eigene Verhalten kommentiert wird. Ich glaube, dass wir es als Menschen hier mit einem gruppenspezifischen Prozess zu tun haben. Damit meine ich wie bereits erwähnt, dass die eigene Risikoneigung lediglich ins Verhältnis zu der der Mitmenschen gesetzt wird. Und wenn ich persönlich dies tue dann komme ich zu dem Ergebnis, dass meine Neigung bzw. meine Position auf der Skala wohl etwas über dem Durchschnitt der allgemeinen Risikoneigung meiner Mitmenschen in dieser Gesellschaft liegt. Auch wenn ich dies an mehreren Punkten festmachen kann, so möchte ich an dieser Stelle auf den interessantesten Punkt hinweisen, der mir in diesem Zusammenhang aufgefallen ist.

Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff „Sicherheit“ sehr stark ausgeprägt. Ich meine damit sowohl das hier stehende Substantiv „Sicherheit“ sowie alle erdenklichen Ableitungen davon, also z. B. „sicher“, „versichert“, „in sicheren Händen“ etc. Und mir ist in diesem Zusammenhang aufgefallen, dass ich diesen Begriff fast nie in den Mund nehme. Und dies ist mir lediglich dadurch aufgefallen, dass ich irgendwann bemerkt habe, dass einige Menschen in meinem Umfeld diesen Begriff sehr häufig in den Mund nehmen. Durch meine Position auf der Skala weiche ich hier also in gewisser Weise von der Norm ab und verhalte mich „unnormal“ wobei dies nach meiner Wahrnehmung ein vollständig unbewusster Prozess ist der keine aktive Entscheidung von mir verlangt hat oder dem eine aktive Entscheidung meinerseits vorangegangen ist. „Sicherheit“ scheint für sehr viele Menschen in Deutschland etwas zu sein dem diese Menschen einen hohen Wert beimessen. Und wenn die Masse der Menschen diesem Begriff eine so hohe Wertigkeit beimisst und ich meiner obigen Argumentation folge, dann entspricht das Bedürfnis, das Vorhandensein sowie die Aufrechterhaltung von Sicherheit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit einem zutiefst liegenden menschlichen Grundbedürfnis.

Allerdings stellt mich dies nun vor eine Problematik: Anfangs habe ich argumentiert, dass das Verhalten der Masse jederzeit veränderbar ist. Auf der anderen Seite fällt es mir schwer zu argumentieren, dass es Sinn macht, gegen menschliche Grundbedürfnisse anzukämpfen. Jedoch tendiere ich bei weiterem Nachdenken weiterhin zu der ersten These. Dafür spricht, dass es Völker gibt, in denen das Sicherheitsbedürfnis nicht so stark ausgeprägt ist wie in Deutschland. Jedoch verstehe ich menschliche Grundbedürfnisse so, dass diese universell und ortsunabhängig für jeden einzelnen Menschen gleich gelten. Es liegt also nahe, dass man grundsätzlich die stark ausgeprägte Sicherheitskultur verändern kann, wenn man dies denn beabsichtigt. Hier möchte ich direkt klar betonen, dass mir nichts fernerliegt, Menschen zu beeinflussen, wenn ich nicht zu 100% davon überzeugt bin, dass sich durch mein Verhalten das Leben der anderen Menschen „zum Besseren“ wandelt. Und alleine die Unterstellung bzw. die Anmaßung, dass man durch sein eigenes Verhalten das Leben eines anderen Menschen „zum Besseren“ hin verändern kann basiert auf einem hohen moralischen Anspruch, der immer nur in einem ganz kleinen Bezugsrahmen Gültigkeit besitzt und der aufgrund seiner relativen Ausrichtung niemals universell anwendbar ist und damit nie vollständig „richtig“ sein kann.

Zwar bin ich stark davon überzeugt, dass ich auf verschiedene Lebensbereiche bezogen ein gewisses Sicherheitsbedürfnis für mich beanspruche. Ich glaube jedoch, dass ich diesem Sicherheitsbedürfnis einen geringeren Wert beimesse als dem Durchschnitt meiner Mitmenschen. Ich sehe mich in keinem meiner Lebensbereiche als „Draufgänger“ oder „Zocker“. Ich bin mir jedoch bewusst, dass mich einige meiner Mitmenschen bezogen auf spezifische Situationen mit diesen Begriffen bezeichnen. Meine eigene Risikoneigung betrachte ich als völlig normal und wie ich oben beschrieben habe wird mir die Tatsache, dass ich vom Durchschnitt abweiche, lediglich dadurch bewusst, dass andere Menschen mein Verhalten kommentieren und in gewisser Weise auch bewerten. Es scheint für das Überleben innerhalb einer menschlichen Gruppe von immens hoher Bedeutung zu sein, sein Gegenüber so gut wie möglich einschätzen zu können, was wohl zwangsläufig nur über Bewertungen funktionieren kann. Aus einer Summe an Bewertungen welche sich auf die Eigenschaften, die Persönlichkeit sowie das Verhalten eines Menschen beziehen kann man dann eine Tendenz ableiten und sich eine Meinung darüber bilden, ob von dieser Person Gefahr für das eigene Leben ausgeht. Ich glaube in erster Linie möchte man sich durch dieses bewertende Verhalten selber schützen und nicht dem anderen etwas Schlechtes zufügen. Ich glaube, dass Menschen im Kern viel zu egoistische Wesen sind um ihre Zeit und Energie damit zu verbringen, primär anderen Menschen zu schaden. Vielmehr handelt es sich meiner Meinung nach bei diesem schädigenden Verhalten um einen Sekundäreffekt. Der Primäreffekt für jegliches menschliches Verhalten liegt wahrscheinlich im Selbstschutz und dem Sichern der eigenen Existenz.

Wahrscheinlich handelt es sich bei den hier stehenden Ausführungen um banalste Erkenntnisse aus dem Bereich der „Küchenpsychologie“. Dies ändert nichts daran, dass ich es interessant finde, mal einige seiner eigenen Verhaltensweisen zu betrachten und festzustellen, wann man von der sogenannten „Norm“ abweicht. Und da das Thema „Risiko“ im starken Kontrast zu dem Begriff „Sicherheit“ steht finde ich es wichtig, vorerst einige grundlegende Erkenntnisse zu benennen, falls ich mich dafür entscheiden sollte, den Gegenpolen „Risiko“ und „Sicherheit“ noch einmal näher auf den Grund zu gehen.